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Als ich mit meiner jungen Familie 1964 aus dem Kanton Zürich nach Spreitenbach in den Kanton Aargau kam, sagten die Bekannten: „Wie könnt ihr auch?“ Es war ein kleines Bauerndorf, abseits der Landstrasse, wo das abscheuliche Konkubinat erlaubt war... Nun habe ich seit 1980 die Geschichte des Dorfes erforscht und wage zu behaupten: „Diese Geschichte ist etwas Besonderes, Einzigartiges in der Schweiz.“ Daraus drei charakteristische Ausschnitte:
1. Der Dorfbach
Das Dorf hat seinen Namen vom Bach erhalten. Als sich nach der letzten Eiszeit der Linthgletscher zurückzog, bildete sich ein Bach, der zuerst ein Stück entlang der Nordostflanke des Heitersbergs floss, bevor er sich ins Tal ergoss. Bei Schneeschmelze und starken Regenfällen führte er aus der steilen Bergflanke viel Geschiebe mit und lagerte dieses Delta artig im Talgrund ab, wobei er mit der Zeit die Limmat etwas nach Norden abdrängte, dass diese einen Bogen machen musste. Die erste Siedlung entstand entlang des „Kaufmannsweges“ und dem Bach entlang in einem Abstand von ca. 25 Metern. Bei Überschwemmungen wurden die Häuser nicht beschädigt, nur die Felder. Um dies zu verhindern musste gemäss Dorfoffnung von 1560 der Bach etwa beim Kreuzplatz bei Hochwasser in drei Teile geteilt werden. (StAA 3118 S. 147) 1811 wurde der Bach im Dorf durch beidseitige Quadermauern in ein nur 6 Schuh breites und zwei Schuh tiefes Bett gezwängt. (GASp GV 5.9.1811) Viele Überschwemmungen suchten weiterhin die Gemeinde heim. Doch erst 2006 konnte nach einer umfassenden Sanierung mit unterirdischem Entlastungskanal der neue Bachlauf eingeweiht werden.
2. Schwieriges Zusammenleben von Katholiken und Reformierten
Als erste Grundbesitzer wurden die Grafen von Habsburg und Kyburg, die Freiherren von Sellenbüren, Schönenwerd, Hünenberg, Griessen, Spreitenbach und Wohlen ermittelt. Dann ging der meiste Grund sukzessive in den Besitz von Klöstern über: St. Gallen, Einsiedeln, Engelberg, Säckingen, Allerheiligen, Rheinau, Hermetschwil, Wettingen, Gnadenthal, Muri, Königsfelden, Bremgarten und der Zürcher Klöster Oetenbach, Grossmünster, Fraumünster, Augustiner, Selnau. Dem Kloster Wettingen gelang es im Laufe der Zeit die meisten Güter in Spreitenbach zu erwerben und auch die niedere Gerichtsbarkeit. Das Kloster hatte Mühe, die Übersicht über seine zerstückelten Güter zu behalten und musste sie 1569 und 1653 bereinigen. Während auf den Wettinger Gütern vorwiegend Katholiken als Pächter wirkten, waren auf den Zürcher Gütern vorwiegend reformierte Pächter.
Die geografische Lage hatte eine besondere Bedeutung für das Dorf. Es lag am Kreuzungspunkt von wichtigen Handels- und Wallfahrtswegen. Der eine führte von Basel über Baden Richtung Zürich und nach Einsiedeln resp. in die Innerschweiz. Ein anderer von der Nord- und Ostschweiz über eine Fähre beim Fegi und den Heitersberg Richtung Innerschweiz. Ein weiterer von Zürich her über den Heitersberg Richtung Westschweiz. Es handelte sich dabei um Fuss-, Reit- und Saumwege. Spreitenbach war schon um 1200 eine politisch selbständige Gemeinde und besass um 1250 eine kleine Kapelle, die zur Mutterkirche Dietikon gehörte. „Diese Kapelle war von vielen Wallfahrern besucht, wovon der alte Opferstock bezeugt.“ (Turmurkunde) Früh gab es in Spreitenbach eine Schmiede und vielleicht Säumer, welche den Handelsleuten halfen, den steilen Heitersbergweg mit ihren Waren zu erklimmen. Die Flurnamen „Kaufmannsweg“, „Hodelgass“ (hodeln = säumen) und „Landstrass über den Heitersberg“ bezeugen dies. 1359 wurde ein „Kaufmannsgut“ mitten im Dorf erwähnt. Mit dem Ausbau der Limmattaler Landstrasse zu einer Fahr – und Poststrasse sank der Heitersbergweg in die Bedeutungslosigkeit. Aber während fast 200 Jahren hatte er in den Glaubensstreitigkeiten der Eidgenossen eine wichtige strategische Bedeutung gehabt.
In der Reformationszeit gab es einen Bildersturm in Dietikon, die Kapelle Spreitenbach blieb unbeschädigt. Nach dem ersten Villmergerkrieg entschied sich die Mehrheit der Bevölkerung für den Verbleib bei der alten, eine Minderheit für die neue Religion. Fortan lebten die beiden Religionsgemeinschaften in beiden Gemeinden nebeneinander, besassen gemeinsame Kirche und Kapellen, Kirchengut usw. Dies gab Anlass zu vielen Reibereien und Streitigkeiten. Seit der Gründung der Klöster in der Stadt Zürich hatten diese entlang dem alten Handelsweg bis nach Künten, (der kürzesten Fuss- und Reitwegverbindung zwischen Bern und Zürich) durch Schenkung, Tausch oder Kauf Grundstücke und Höfe erworben. Ihre Pächter waren Leibeigene der Klöster. In der Reformation wurden die Klöster aufgehoben und der Besitz ging an die Stadt Zürich über. In Remetschwil besass das Kloster Oetenbach die niedere Gerichtsbarkeit. Die Innern Orte verlangten von Bern und Zürich die Rückkehr zum alten Glauben, was zu langem Streite führte.
Als Zwingli 1528 zur Disputation nach Bern ging, begleiteten und beschützten ihn 200 Soldaten. Sie nahmen den Weg über den Heitersberg und den gleichen Rückweg. Zwischen Berner und Zürcher Gebiet lag die katholische Grafschaft Baden, gemeineidgenössische Herrschaft. Wie Steine in einem Fluss lagen die reformierten Zürcher Höfe mit ihren nach Zürich wehrpflichtigen Pächtern an dieser Route.
Spreitenbach und Dietikon wurden paritätische Pfarreien mit der gemeinsamen Pfarrkirche Dietikon und Filialkapellen, die alle von beiden Religionen gemeinsam verwaltet werden mussten. Sowohl die katholischen wie die reformierten Orte versuchten, durch entsprechenden Landerwerb Vorteile für ihre Seite zu erringen. Der Tausch zwischen dem Kloster Wettingen und den Effingern von Brugg von 1541, bei welchem Wettingen 10 Höfe aus dem ehemaligen Besitz des Klosters Engelberg in Spreitenbach erhielt und die reformierten Effinger Güter in Rüfenach, bedeutete sowohl für Spreitenbach wie auch die Grafschaft Baden eine Verstärkung der katholischen Position.
Reibereien zwischen den Religionsgemeinschaften wurden oft von den Patronatsorten (Zürich für die Reformierten, das Kloster Wettingen und die katholischen Orte für die Katholiken) angezettelt oder geschürt. Vor allem im Staatsarchiv Zürich gibt es viele Belege für diese Tatsache, die Archive der Urkantone wurden noch nicht erforscht. 1639 und 1650 versperrten die Katholiken den Reformierten die Kapelle. 1655 nahm der reformierte Pfarrer Redinger mit 12 Helfern den katholischen Priester von Dietikon gefangen und führte ihn nach Zürich. Luzerner Truppen besetzten den Heitersberg und errichteten Strassensperren. 1656 wurde der Berner Bote auf dem Heitersberg erschlagen. 1664 wurde der Heitersberg wiederum besetzt. Auf dem Heitersberg bestand eine Hochwacht. Beide Parteien versuchten durch Landerwerb oder Besetzung der Güter mit Glaubensgenossen als Pächter sich Vorteile entlang dieser Route zu verschaffen. Gegenseitig wurden Spitzel eingesetzt, welche die Gegenpartei ausspionieren mussten. Der reformierte Lehrer wurde einmal dabei erwischt und gefangen genommen usw. Im 2. Villmergerkrieg kam es zu Scharmützeln auf dem Heitersberg und in Spreitenbach, anschliessend zu gegenseitigen Plünderungen in Spreitenbach usw.
Nach der Niederlage bei Villmergen von 1712 wurden die katholischen Orte aus der Verwaltung der Grafschaft Baden ausgeschlossen und die religiösen Gegensätze ebbten langsam ab. Aber 1947 war es z.B. noch immer Brauch, dass bei Beerdigungen die reformierten Männer im Leichenzug mit Kopfbedeckung marschierten, während die Katholiken den Hut in der Hand trugen! 1967 hielt dann mit dem kath. Pfarrer Vinzenz Felder der ökumenische Gedanke endlich im Dorfe Einzug.
3. Rasante Entwicklung in neuster Zeit
Das Dorf Spreitenbach war seiner Zeit an der Kreuzung der Pilger- und Kaufmannswege entstanden. Mit der Zeit wurde die Landstrasse durchs Limmattal besser befahrbar. Die Säumerei über den Heitersberg wurde eingestellt, der Fuss- und Reitweg verlor seine Bedeutung. In den Jahren 1764 – 1770 wurde die Landstrasse durch das Limmattal neu und breiter angelegt Sie führte 200 Meter unterhalb des Dorfes in gerader Linie von Killwangen nach Dietikon (heutige Strassenführung). Die Eisenbahn wurde 1847 entlang der Limmat von Zürich nach Baden fast genau auf einer Höhenkurve gebaut. Es war wichtig, dass die Bahn steigungsfrei geführt werden konnte, sonst hätte die Lokomotive mit ihrer geringen Motorenleistung nicht schneller fahren können als die Pferdekutschen und wäre nicht konkurrenzfähig gewesen. Das Gewerbe stagnierte in Spreitenbach, der Standort war für industrielle Ansiedelung wegen mangelnder Wasserkraft resp. wegen des steilen Limmatbordes nicht attraktiv. Zudem schwächten Fabrikbrände und Konkurse die kleine Industrie, die sich doch ansiedelte. Spreitenbach konnte sich lange nicht entfalten.
1955 reichte Architekt Della Valle ein Baugesuch ein für ein 12stöckiges Hochhaus weit ausserhalb des Dorfkernes im Gebiet Hasel auf der grünen Wiese. Eine Bauordnung, die ein solches verhindern konnte, gab es noch nicht. Als der Bau den dritten Stock erreichte, beantragte ein Nachbar beim Regierungsrat Baueinstellungsverfügung. Es handelte sich um das erste Hochhaus in der Schweiz und daher stand selbst die Regierung vor einer neuen Situation. Della Valles Pläne sahen sogar ein Hochhaus mit 20 Stockwerken und 56 Metern Höhe vor! 1956 untersagte die Regierung den Bau von mehr als fünf Stockwerken. „Die modernste Ruine der Schweiz“ titelte das Badener Tagblatt am 1.6.1957. Nach langem Hin und Her wurden 1960 13 Geschosse gestattet und in den Jahren 1965 – 1970 ein Zwilling daneben gebaut. Die rasante bauliche Entwicklung von Spreitenbach war damit eingeleitet. 1970 wurde das erste europäische Shopping Center in Spreitenbach eröffnet. Damit wurde unser Dorf weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. 2006 hat Spreitenbach die Grenze von 10'000 Einwohnern überschritten, beherbergt den grossen Rangierbahnhof Limmattal, Einkaufsmöglichkeiten in grosser Zahl und auf allen Gebieten, sowie Handels – und Industriebetriebe mit insgesamt über 6500 Arbeitsplätzen. Durch Autobahnanschlüsse, S-Bahn, Busse ist die Verkehrserschliessung sehr gut. Die bauliche Entwicklung von Wohnbauten hat Schritt gehalten, die Infrastrukturaufgaben Wasser, Abwasser, Entsorgung, Schulen, soziale Dienste usw. haben sich der baulichen Entwicklung angepasst. Spreitenbach gilt daher zu Recht als eine fortschrittliche, gut geführte, lebenswerte Gemeinde.
Die Geschichte von Spreitenbach hat noch weitere faszinierende, unerforschte Aspekte. Was bisher publiziert wurde, gibt erst einen kleinen Überblick!
Weitere Literatur über Spreitenbach: Roman W. Brüschweiler, Anton Kottmann, Andreas Steigmeier, Spreitenbach, Spreitenbach 2000 Kurt Wassmer: Sagen aus Spreitenbach und der Region, Spreitenbach 1981 Kulturkommission Spreitenbach: Entdecke Spreitenbach, Spreitenbach 1973 Kurt Wassmer: 100 Jahre Cäcilienchor Spreitenbach, Spreitenbach 1989 Karl Zimmermann: Geschichtliches von Spreitenbach,1124 – 1930, Spreitenbach 1930.
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